Auf den Spuren des Marco Polo – Rezension von Franky Bayer (Knobelritter)

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Auf den Spuren von Marco Polo

 

 

Marco Polo ist ja ein richtiger Tausendsassa: Begründer einer Mode-Company, Erfinder eines Ballsports zu Pferde, Entwickler eines Volkswagen-Modells, Unternehmer eines weltweiten Reisebüros. Den wenigsten dürfte allerdings bekannt sein, dass er einmal eine Reise nach China unternommen hat. Ja, tatsächlich ist der venezianische Kaufmann im 13. Jahrhundert bis nach Peking vorgedrungen, wahrscheinlich um neue Märkte für seine T-Shirts und Autos zu erschließen.

 

„Auf den Spuren von Marco Polo“ lässt uns Spieler an dieser historischen Reise von Venezia nach Beijing teilnehmen, mit dem Ziel, Handelsposten zu errichten und lukrative Aufträge zu erledigen.

 

Der große Spielplan zeigt die wichtigsten Handelsstädte der damaligen Zeit, mit dem Startpunkt Venezia ganz im Westen und Beijing ganz im Osten. Dazwischen liegt ein Wegenetz, das allerdings nur wenige Abzweigungen bietet, sodass sich vier Hauptrouten in die chinesische Hauptstadt ergeben.

 

Die sechs kleineren Städte bieten Spielern, die darin einen Handelsposten errichten, durch einen Stadtbonus-Marker einen dauerhaften Vorteil. Die sieben größeren Städte hingegen bieten nur dem zuerst ankommenden Spieler einen Kontorbonus, zudem erlauben zufällig verteilte Stadtkarten dort spezielle Stadtaktionen, doch dazu später mehr.

 

Jeder Spieler stellt zu Beginn seine Spielfigur nach Venedig. Neben einem kleinen Anfangsbestand an Geldmünzen, zwei Kamelen, neun zu errichtenden Handelsposten, zwei Zielkarten und einem einzigen Handelsauftrag erhält jeder Spieler vor allem noch 5 Würfel in seiner Farbe.

 

Die Würfel spielen die Hauptrolle bei „Auf den Spuren von Marco Polo“, denn mit ihnen werden sämtliche wichtigen Aktionen gesteuert. Am Anfang jeder der fünf Spielrunden würfeln alle Spieler gleichzeitig ihre Würfel. Wer an der Reihe ist, nutzt eine Hauptaktion, indem er die dafür notwendige Anzahl an Würfeln (1 bis 3) einsetzt.

 

Grundsätzlich gilt für den Würfeleinsatz: Bis auf die Stadtaktionen kann jede einzelne Aktion von mehr als einem Spieler genutzt werden. Ist das Aktionsfeld noch frei, entstehen dafür keine Zusatzkosten, während für bereits besetzte Felder zusätzliche Kosten in Höhe des niedrigsten verwendeten Würfels anfallen. Die niedrigste Augenzahl entscheidet in den meisten Fällen auch über die maximale „Stärke“ einer Aktion.

 

Nun zu den einzelnen Aktionen. Auf einem Feld („Geldbeutel„) bekommt man 5 Münzen. Auf dem „Markt„, der aus mehreren Reihen und Spalten besteht, sind die Waren Gold, Pfeffer und Seide, sowie Kamele erhältlich. Ein weiteres Feld erlaubt es, bis zu zwei neue Aufträge aus einer offenen Auslage zu nehmen. Die „Gunst des Khan“ – hierfür dürfen nur Würfel mit aufsteigender Würfelzahl platziert werden – bringt neben 2 Kamelen noch eine beliebige Ware.

 

Eine der wichtigsten Aktionen stellt aber das Reisen dar, schließlich will man auf der Landkarte ja gen Osten weiterkommen. Will man reisen, setzt man zwei Würfel auf das entsprechende Feld und bezahlt die Reisekosten, die sich nach der Anzahl an Schritten richten. So kostet z.B. ein Schritt nur 3 Geld, drei Schritte schon 12 Geld. Für einige Wege müssen noch die angegebenen Zusatzkosten in Form von Kamelen (einige Landwege) oder Geld (fast alle Seewege) entrichtet werden. Erst danach zieht man seine Figur die entsprechenden Schritte vorwärts. Endet die Reise in einer Stadt, stellt er dort einen Handelsposten und genießt ab sofort alle Vorteile dieser Stadt (Stadtbonus, mögliche Stadtaktion, etc.).

 

Eine Runde dauert so lange, bis kein Spieler mehr Würfel einsetzen kann. In der nächsten Runde kommen neue Auftragskarten ins Spiel, und die Spieler würfeln erneut ihre Würfel. Während des Spiel erlangen die Spieler hauptsächlich durch die Erfüllung von Aufträgen Siegpunkte. Aber auch bestimmte Stadtaktionen sowie Handelshäuser in so mancher kleinen Stadt können das Punktekonto anwachsen lassen.

 

Nach fünf Runden endet das Spiel. In einer Schlusswertung erhalten die Spieler noch Punkte für ihr Restgeld (10:1), für erfüllte Zielkarten (Handelsposten in den vorgegebenen Städten), für ihren Handelsposten in Beijing, sowie für je zwei verbliebene Waren, letzteres aber nur, wenn Beijing erreicht wurde. Wer die meisten Aufträge erfüllen konnte, kann sich auch noch über 7 zusätzliche Punkte freuen. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt schlussendlich das Spiel.

 

„Auf den Spuren von Marco Polo“ ist ein typisches Würfeleinsetzspiel, wie der aufmerksame Leser an den beiden Schlüsselwörtern „Würfel“ und „einsetzen“ unschwer erkennen konnte. Und so folgt es den üblichen Regeln dieses Genres, nämlich dass die Spieler versuchen, ihren Würfelwurf in möglichst lukrative Aktionen umzumünzen.

 

Dabei kommt es üblicherweise zu Interaktion zwischen den Spielern. Hier ist jedoch nicht die Beschränkung der Aktionen dafür verantwortlich, denn die meisten Aktionen können ja – wie erwähnt – von mehreren bzw. allen Spielern durchgeführt werden. Es sind die zum Teil empfindlichen Zusatzkosten, die für bereits besetzte Aktionesfelder anfallen, welche den Spielern knifflige Entscheidungen und gutes Timing abverlangen. Auch die vorteilhaften Kontorboni, von denen nur jener Spieler profitiert, der zuerst eine größere Stadt erreicht, lösen ein kleines Wettrennen aus. Aus diesem Grund kommt dem Startspieler eine bedeutende Rolle zu. Startspieler der nächsten Runde wird übrigens stets jener Spieler, der in einer Runde zuletzt die Aktion „Reisen“ durchgeführt hat.

 

Bei Würfeleinsetzspielen ist naturgemäß der Glücksanteil relativ hoch. „Auf den Spuren von Marco Polo“ bildet hier jedoch eine angenehme Ausnahme. Schon beim Würfelwurf zu Beginn jeder Runde gibt es einen Ausgleich für allzu niedrige Würfe. Hat ein Spieler weniger als 15 Würfelaugen, bekommt er die Differenz in Form von Kamelen und/oder Geld.

 

Außerdem sind hohe Würfelzahlen nicht immer von Vorteil. Sicher erlauben sie bessere Aktionen, zum Beispiel eine größere Auswahl an neuen Aufträgen, mehr Waren auf dem Markt, weitere Reisen auf der Landkarte, etc. Aber auch niedrige Zahlen sind wichtig, etwa wenn man eine kürzere Reise beabsichtigt, oder um geringere Zusatzkosten zahlen zu müssen. Für ein würfelgesteuertes Spiel gibt es erstaunlich viele Möglichkeiten, dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen.

 

Dazu gehören auch die Zusatzaktionen, die jeder Spieler vor und/oder nach seiner Hauptaktion machen darf. Vor allem durch die Abgabe von Kamelen können Würfelergebnisse im Nachhinein noch korrigiert werden. So kann bereits mit einem Kamel ein Würfel neu gewürfelt werden. Zwei Kamele erlauben, einen Würfel um 1 Zahl nach oben oder unten zu drehen. Und für drei Kamele darf man sich – allerdings nur einmal pro Spielzug! – sogar einen schwarzen Würfel aus dem allgemeinen Vorrat nehmen, würfeln und auf sein Tableau legen. Dieser kann dann als neutrale Farbe oder zusätzlich mit Würfeln der eigenen Farbe verwendet werden.

 

Weitere Zusatzaktionen sind das Nehmen von 3 Geld gegen Abgabe eines Würfels, sowie das Erledigen eines eigenen Auftrags. Um einen Auftrag erledigen zu können, muss man die geforderten Waren abgeben. Als Belohnung erhält man dafür Siegpunkte und bei manchen Aufträgen noch einige Extras (Geld, Kamele, Waren, einen neuen Auftrag, einen schwarzen Würfel, eine Bonusbewegung mit seiner Spielfigur u. ä.). Insgesamt spielt der Zufall durch die Zusatzaktionen bei „Auf den Spuren von Marco Polo“ eine eher untergeordnete Rolle.

 

Abwechslung bieten vor allem die geheim zugeteilten Zielkarten, welche den Spielern stets eine andere Routenplanung abverlangen, die zufällige Verteilung der Stadtbonus-Marker, der Kontorboni und der Stadtkarten, bei denen in jeder Partie nur neun aus 31 verschiedenen Karten zum Einsatz kommen. Trotzdem wäre das Spiel in der bisher beschriebenen Form irgendwann einmal ausgelotet, die sich daraus bietenden Möglichkeiten bald mal durchgespielt.

 

Der eigentliche Geniestreich – und hier erkennt man den Ideenreichtum der beiden italienischen Autoren, welche bereits für „Tzolk’in – der Maya-Kalender“ verantwortlich zeichnen – sind aber die verschiedenen Charaktere. Jeder Spieler erhält nämlich zu Beginn einen anderen Charakter zugeteilt bzw. kann sich in der Profi-Variante einen Charakter aus einer beschränkten Auswahl aussuchen. Und jeder Charakter – eine historische Person dieser Epoche – ändert einige der Grundregeln für den Spieler. So muss beispielsweise „Berke Khan“ für das Nutzen von bereits besetzten Aktionsfelder nichts extra bezahlen. „Raschid ad-Din Sinan“ wiederum würfelt überhaupt nicht, sondern kann jedes Mal wenn er ein Aktionsfeld besetzt, die Würfelaugen selbst einstellen. Und „Kublai Khan“ beginnt das Spiel mit seiner Spielfigur und einem Handelsposten gar in Beijing und arbeitet sich allmählich westwärts voran.

 

Erst diese asymmetrische Ausgangssituation macht den enormen Spielreiz von „Auf den Spuren von Marco Polo“ aus. Jeder einzelne Charakter spielt sich anders, verlangt eine völlig differenzierte Spielweise, erfordert andere Prioritäten. Es spricht für eine lange Testphase, dass trotz der Unterschiede die Charaktere untereinander dennoch ziemlich ausgewogen sind. Bis jetzt konnte ich weder eine übermächtige noch eine stark benachteiligte Fähigkeit feststellen. Und so bietet jedes Spiel eine neue Herausforderung. Der Wiederspielreiz ist hoch, will man doch jeden Charakter einmal spielen oder sogar beherrschen. Und bis man mal alle einigermaßen durchprobiert und ihre individuellen Stärken und Schwächen ausgetestet hat, werden Verlag und Autoren – hoffentlich! – wieder für Nachschub in Form einer Erweiterung gesorgt haben.

 

„Auf den Spuren von Marco Polo“ richtet sich ohne Zweifel an den anspruchsvollen  Spieler. Zwar sind die Grundregeln schnell zu verstehen, aber die Vielzahl der Möglichkeiten und die unterschiedlichen Wege zum Erfolg können Spieler, die nur gelegentlich am Spieltisch Platz nehmen, schnell mal überfordern. Auch die Spieldauer – man muss mit ungefähr einer halben Stunde pro Spieler rechnen – spricht eher den Vielspieler an.

 

Das Spielmaterial ist reichlich, die Schachtel prall gefüllt mit einem riesigen Spielplan und schön gestalteten, hochwertigen Teilen. Die Spielregel zusammen mit einem Beiblatt und fünf Übersichtkärtchen lassen (fast) keine Frage offen und unterstützen einen reibungslosen Spielverlauf. Damit hat Hans im Glück endlich wieder ein Spiel herausgebracht, das den erfahrenen Spieler restlos begeistert, und in unserem Spieleklub auf Anhieb „angekommen“ ist.

 

 

Franky Bayer

 

 

Bewertung:               5         Schilde

Zielgruppe:                Spielexperten                       ++

 

 

 

Info-Box:

Titel:                           Auf den Spuren von Marco Polo

Art des Spiels:           taktisches Würfeleinsetzspiel

Spieleautoren:          Daniele Tascini & Simone Luciani

Verlag:                       Hans im Glück

Vertrieb:                    Schmidt Spiele

Jahrgang:                   2015

Spielerzahl:               für 2 bis 4 Spieler

Alter:                          ab 12 Jahren

Dauer:                                   ca. 90 Minuten

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